Danteperlen

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An jedem Monatsanfang veröffentlichen wir an dieser Stelle vier persönliche Buchempfehlungen, unsere Danteperlen, denen wir viel Aufmerksamkeit  wünschen.

Im Juli 2022 haben wir zum achten Mal die Danteperlen als schöne gedruckte Broschüre veröffentlicht mit einem prallen Jahr voller Lesetipps für Große und Kleine. Die Broschüren sind kostenlos bei uns erhältlich.

Hier finden Sie unsere aktuellen Danteperlen aus diesem Monat. Stöbern und frühere Empfehlungen lesen können Sie auf den Unterseiten.

... für Kinder
Akiko Miyakoshi: Die kleine Spitzmaus 
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... für Erwachsene
Ulli Lust: Die Frau als Mensch
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... für Erwachsene
Eva Strasser: Wildhof
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... für Erwachsene
Christine Wunnicke: Wachs
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Akiko Miyakoshi: Die kleine Spitzmaus 

Aus dem Japanischen übersetzt von Paula Weber und Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart, 80 Seiten, 14 Euro, ab 5

Mit einem hinreißenden Blick schaut diese kleine  Spitzmaus direkt vom Cover ins Herz ihrer Betrachter*innen. Die japanische Autorin und Illustratorin Akiko Miyakoshi erzählt uns in drei kurzen Geschichten aus ihrem Leben in einer großen Stadt mitten in einem menschlichen Umfeld. Hier gibt es Vintage ohne jeden Schick, dafür mit berückendem Charme: Telefonapparate mit Wählscheiben, Kofferradios, Röhrenfernsehgeräte und Ohrensessel, die Miyakoshi in warmem Licht geschickt in Szene setzt. Die Spitzmaus arbeitet, träumt und verbringt Zeit mit ihren besten Freunden. Alle Tagesabläufe, jede Handlung findet zu festen Zeiten statt. Es scheint kaum Besonderes zu geben, und doch strahlt sie eine in sich ruhende Zufriedenheit aus. Und ebenso unaufgeregt wirken die zahlreichen, mal farbigen, mal schwarz-weißen Illustrationen. Kinder, die es lieben, sich tagtäglich in vertrauten Bahnen und mit kleinen Ritualen durch die Welt zu bewegen, werden sich in diesem Buch bestens zuhause fühlen. In seiner einfachen Sprache, den kurzen Sätzen und dank der vielen Bilder funktionieren die Geschichten zum Vorlesen für Kinder im Kita-Alter, im Grundschulalter wiederum zum ersten Selbstlesen. Enjoy the simple things in life! Diese Spitzmaus zeigt, dass es weder Mut noch Ausnahmetalente zum Glück braucht. (Jana Kühn)

Das Buch bestelle ich bei Dante!

Ulli Lust: Die Frau als Mensch

Reprodukt 2025, 256 Seiten, 29 Euro

Als die junge Protagonistin Ulli in den 1970er Jahren ihrer Mutter beim Putzen einer österreichischen Dorfkirche hilft, entdeckt sie eine Statue im hinteren Kirchenschiff: Maria, die den Teufel besiegt. Sie ahnt hier schon, was sich auf ihrem späteren Weg bestätigen wird: Nicht nur in der Ausstattung dieser Kirche, in der gesamten Kunstgeschichte ist sie ist eine Frau unter vielen, sehr vielen Männern. Das gilt für Maria, wie auch für die Autorin selbst. 45 Jahre später kehrt die mittlerweile etablierte Dokumentarzeichnerin Ulli Lust in jene Kirche zurück und macht sich von dort aus auf den Weg, diese immer noch unerzählte Geschichte „Der Frau als Mensch“ grafisch freizulegen. Sie beginnt mit einer Führung durch die von Forschung jahrtausendelang ignorierten und missinterpretierten prähistorischen Figurinen. Hier ist die graphic novel gleichermaßen Museum wie kunsthistorisch-anthropologischer Meilenstein, dem ich Standardwerkstatus wünsche. Die Geschichte der Marginalisierung endet bei Ulli Lust jedoch nicht mit der fehlenden weiblichen Perspektive in Forschung, Literatur und Kunstgeschichte. Sie folgt den Linien der Unterdrückung über den afrikanischen Kontinent, von den Anfängen der Hominiden bis zur systematischen und ökonomischen Ausbeutung indigener Kulturen und ihrer angestammten Territorien. Ein Museumsbesuch der besonderen Art – reingehen! (Kerstin Follenius)

Das Buch bestelle ich bei Dante!

Eva Strasser: Wildhof

Wagenbach 2025, 208 Seiten, 22 Euro

„Irgendwann war doch mal alles gut, in irgendeiner versteckten Ecke der Vergangenheit hat es doch verdammt noch mal gefunkelt.“
Lina, fast 30, kommt nach Wildhof zurück, um die bei einem Verkehrsunfall verstorbenen Eltern zu beerdigen und deren Haus am Fluss zu verkaufen. Ein trauriger Anlass, ein trauriges Haus, ein verwilderter Garten, viel Natur und viele Erinnerungen. Lina will nichts davon, aber die Natur ist mächtig und vertraut und die Erinnerungen sind schön.
Rotzig und seltsam somnambul bewegt sich Lina durch diese Gemengelage, tut, was zu tun ist, trifft auf alte Freund*innen, das ist gut. Und sie sieht sich mit seltsamen Dingen konfrontiert: die Kuckuckuhr – nicht aufgezogen – schlägt, ein moosbewachsener alter Fußball liegt wie neu im Garten, immer wieder sieht sie eine prächtige Rehkönigin im Wald und immer und immer wieder hört sie das Lachen von Luise, ihrer Zwillingsschwester, die verschwand als beide fast 13 waren und die ihr, wie Lina jetzt versteht, eine Botschaft hinterlassen hat.
Ein Buch, das davon erzählt, dass fast immer alles möglich ist. Es zu lesen ist wie ein rauschhaftes langes bittersüßes Fest. (Katharina Bischoff)

Das Buch bestelle ich bei Dante!

Christine Wunnicke: Wachs

Berenberg, 2025, 176 Seiten, 24 Euro

Was für ein grandioser Einstieg: eine kleine verhüllte Gestalt verschafft sich im Dunkeln Eintritt in die Kaserne der Schwarzen Musketiere. Ständig betend, zaghaft und gleichzeitig klar entschlossen arbeitet sie sich vor, bis sie einem Offizier ihr Begehren vortragen kann. Sie, die sich als Tochter einer Apothekerfamilie vorstellt, möchte eine Leiche kaufen!
Mit dieser filmreifen Szene eröffnet Christine Wunnicke ihren rasanten biografischen Roman über das Leben und die Liebe zweier französischer Doppelbegabungen aus dem 18. Jahrhundert, der Anatomin und Wachsbildnerin Marie Biheron und ihrer Freundin, der Künstlerin und Botanikerin Madeleine Basseporte. Beide wirkten bahnbrechend in ihren Metiers, Madeleine wurde im Jardin du Roi als Pflanzenmalerin festangestellt, Maries naturgetreue anatomische Wachsmodelle reüssierten in den Welten der Wissenschaften und König*innen kauften beider Werke. Beide waren äußerst eigensinnig und eigenständig, ineinander verliebt und dies in den vor- und revolutionären Wirren. Hinreißend, wie die Autorin mit diesen Komponenten spielt und leichtfüßig, in knappen schnellen Sätzen, mit skurrilen Details, voll der Erotik, mit pointiert gesetzten altertümlichen Begriffen, einen sprühenden queeren Roman geschaffen hat. (Stefanie Hetze)

Das Buch bestelle ich bei Dante!