Saphia Azzeddine: Bilqiss

Aus dem Französischen von Birgit Leib, Wagenbach 2016, 176 S., TB 2017, € 10,90
(Stand April 2021)

azzedine_bilqiss_danteperle_danteconnection Der jungen Witwe Bilqiss wird der Prozess gemacht. Nach dem Tod ihres Mannes war die alleinstehende junge Witwe schon lange ein Dorn im Auge der Dorfbevölkerung, doch nachdem sie statt des sturzbetrunkenen Muezzins zum Morgengebet ruft, trifft sie deren Hass mit voller Kraft. Statt um Gnade zu flehen, kontert die blitzgescheite und koran-feste Bilqiss jedoch ohne Anwalt und mit viel Biss den immer absurderen Vorwürfen, die angeblich allesamt auf der heiligen Schrift beruhen. Der wütende Mob fordert ihre Steinigung. Doch das Urteil zieht sich hin, denn der verhandelnde Richter kann sich Bilqiss‘ kluger Schlagfertigkeit kaum mehr entziehen. Derweil übertragen Smartphones den Prozessverlauf in die weite Welt, woraufhin eine junge Journalistin aus den USA anreist, um von DER Geschichte zu berichten. So ist der sehr lesenswerte Roman bei weitem nicht nur Islam-Kritik, sondern hält ebenso westlicher Arroganz den Spiegel vor. (Jana Kühn)

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Liza Cody: Miss Terry

Aus dem Englischen von Grundmann & Laudan, Ariadne 2016, 288 S., € 17,00
(Stand April 2021)

cody_missterry_danteperle_danteconnectionNita Tehri ist alleinstehend, arbeitet als Grundschullehrerin und zahlt eine Eigentumswohnung in einer fast schon bürgerlichen Ecke Londons ab. Nach einer großen Auseinandersetzung mit ihrer pakistanisch-stämmigen Familie bemüht sie sich am ehesten darum ihr neues Gewicht zu halten, 8jährige Messerstecher zu bändigen und die ignorante Falschaussprechung ihres Namens milde zu überhören: Miss Terry. Doch dann passiert etwas Mysteriöses, das Nitas Leben völlig aus der Bahn wirft. In einem Baucontainer vor Nitas Haus wird eine dunkelhäutige Babyleiche gefunden, und für alle Nachbarn, die Polizei und die Presse steht fest, dass sie – als einzig dunkelhäutige Frau der Nachbarschaft – die Mutter des Kindes sein muss. Wie Nita gegen die haltlosen Anschuldigungen kämpft, ist eine harte Geschichte über Diskriminierung, Sexismus und Rassismus. Doch Liza Cody erzählt sie mit so viel Zuneigung für ihre Protagonistin, mit kriminalistischem Gespür und so viel Witz auch, dass man die ganze Zeit lesend fiebert: Klärt das doch endlich auf! (Jana Kühn)

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Marilynne Robinson: Gilead

Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling, Fischer Verlag 2016, 320 S., TB 2018, € 11,-
(Stand April 2021)

marilynne-robinson-gileadLiteratur kann uns im Glücksfall in Welten und Wahrnehmungen katapultieren, die wir nicht kennen und zu denen wir sonst keinerlei  Zugang haben. „Gilead“ ist so ein Fall. In einem kleinen Ort im tiefen amerikanischen Westen schreibt ein alter protestantischer Geistlicher, der weiß, dass er bald sterben wird, einen langen Brief an seinen kleinen Sohn, um diesem zu erzählen, woher er kommt. Der alte Prediger schildert seine Kindheit als Sohn und Enkel von ebenfalls Pastoren, der eine heftig engagiert im Kampf gegen die Rassentrennung, der andere Pazifist. Er beschreibt das Verhältnis zu seinem atheistischen Bruder und zu seinem Predigerfreund und den herben Verlust, den er durch den Tod seiner ersten Frau und seiner neugeborenen Tochter erlitten hat. Kunstvoll verbindet Marilynne Robertson seine Reflexionen über den Glauben und existentielle Fragen des Seins mit den vitalen Geschehnissen der Gegenwart, die hier nicht verraten werden. Nur noch so viel: Die Geschichte der Mutter des Jungen, seiner zweiten Frau, ist bereits erschienen – „Lila“, auch unbedingt lesen. (Stefanie Hetze)

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Anna Woltz: Gips

… oder wie ich versuchte an einem Tag die Welt zu reparieren. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, TB Carlsen 2019, € 5,99, ab 10
(Stand März 2021)

woltz-gips-carlsen-dante-perlie-buchladen-kreuzberg Anna Woltz erzählt in „Gips“ in aller Direktheit und mit viel Feingefühl von der 12jährigen Fitz, deren Eltern sich gerade getrennt haben. Ab jetzt soll sie zusammen mit ihrer kleinen Schwester Bente und einer Hin- und Hertasche zwischen zweimal Zuhause pendeln und sogar noch Verständnis für diese neue Situation zeigen. Fitz zerspringt fast vor Unglauben, Wut und Verzweiflung darüber. Ein Fahrradunfall bringt die geschiedene Familie im städtischen Krankenhaus erneut zusammen, und Fitz wünschte, so eine kaputte Liebe könnte man für ein paar Wochen in heilenden Gips legen. Alles wieder gut? Leider nein. Aber das Krankenhaus scheint dennoch ein verheißungsvoller Ort der Liebe und des Verliebens zu sein, fast wie in den Fernsehserien – und sogar für Fitz. Mit ihrem Vorgängerbuch „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“ sorgte Anna Woltz auch in Deutschland schon für viel Furore und wurde dafür u.a. mit dem Luchs Juli 2015 und dem Lesekompass 2016 ausgezeichnet. Ähnliches möchte ich schon jetzt für ihren neuen Roman vorhersagen. (Jana Kühn)

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Declan Burke: The Big O

Aus dem irischen Englisch übersetzt von Robert Brack, Edition Nautilus 2016, € 18,00
(Stand April 2021)

pbThe Big O ist das Ende des Pistolenlaufs einer 44er Magnum. Rossis 44er und die will er zurück von seiner Ex Karen, genauso wie seine Ducati. Beide hat sie verwahrt, wärend Rossi die letzten fünf Jahre im Knast saß. Nun ja, benutzt hat sie sie schon auch – bei gelegentlichen Raubüberfällen. Bei einem Coup lernt sie Ray kennen, der ebenfalls einen kriminellen Nebenverdienst betreibt. Sein nächster Auftrag ist die Entführung der Ex-Frau des finanziell fast ruinierten Schönheitschirurgen Frank. Lösegeldsumme: 500.000 Dollar. Das könnte sein Rettung sein. Die Ex-Frau Madge ist allerdings Karens beste Freundin, und Karens offizieller Arbeitsplatz befindet sich im Vorzimmer von Franks Praxis. Alles klar? Irgendwann in diesem fulminanten Kriminalroman sagt Ray zu Karen, dass das jetzt alles schon ziemlich unwahrscheinlich ist … o ja! Aber es macht fantastischen Spaß, denn alle wollen die 500 Riesen und mit welchen Winkelzügen, wahnwitzigen Wendungen und erzählerischen Kniffen Burke seine Protagonisten auf die Jagd schickt, ist großes Kino – oder eben Screwball Noir! (Jana Kühn)  Leseprobe

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Per Olov Enquist: Das Buch der Gleichnisse

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt, Hanser 2013, 224 S., € 18,90, TB Fischer € 11,99

(Stand März 2021)

Enquist_24330_MR1.indd„Ein Liebesroman“, so lautet der Untertitel von Per Olov Enquists neuem Buch. Und wenn der Begriff „Roman“ hier auch nicht recht zu passen scheint, so ist es doch in der Tat ein Buch über die Liebe, wenngleich nicht im Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs, mit Szenen und Gedanken fern von Klischees. Ebenso ist es ein Buch über die anderen großen Fragen des Lebens, über Menschen und Dinge, die prägen, über Bindung und Freiheit, über den Tod, über Religion und über die Frage, was das alles zu bedeuten hat. Über die Literatur selbst, über die Frage, ob das Erzählen, die Sprache einen Halt geben können, ein Muster spannen, eine Bedeutung erschaffen können, die stützt angesichts der gnadenlosen menschlichen Endlichkeit. Während er dies fragt, erschafft Enquist ein ebensolches Netz, das trägt und auch tröstet: weniger einen Roman als eine Meditation, geformt aus einprägsamen Figuren, Motiven, Bildern, Sprachrhythmus, die den autobiographisch grundierten Kosmos des Vorgängerbuches „Ein anderes Leben“ auf neue, verdichtete und konzentrierte Weise aufgreift. Keine einfache Lektüre, aber eine, die beschenkt. (Judith Krieg)

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